Hallo Miteinander,

der hohe Krankenstand beim KiTa-Fachpersonal ist immer wieder ein Medien-Thema, aber auch Gegenstand von wissenschaftlichen Studien. Sina Stupka ist Absolventin des dualen Studiengangs “Sozialpädagogik und Management”. In ihrer Bachelor-Arbeit untersucht sie “spezifische Präventionsangebote zur Reduktion der Gesundheitsprobleme pädagogischer Fachkräfte”.

Kennengelernt hatte ich Frau Stupka bei einem der Regionaltage von Impuls Soziales Management (siehe Blog-Beitrag vom 28.06.20). Dort hatte ich über die Bedeutung von Positiver Interaktion für den gesunden Gehirnaufbau gesprochen: Alles beginnt mit dem Gefühl der Sicherheit, das in einer feinfühligen, emotional eingestimmten Kommunikation entwickelt wird.

Im Anschluss an meinen Vortrag bat mich Frau Stupka um ein Interview im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit. Wir trafen uns am 10. März im Hafven-Café in Hannover und vertieften die Thematik: Es liegt auf der Hand, dass die Bezugspersonen von Kindern selbst in einer guten Verfassung sein müssen, um ein sicheres Gegenüber bieten zu können. Fachkräfte, die unter Stress stehen und den Kopf voller unterschiedlicher Anforderungen haben, können das Kind nicht wirksam beruhigen oder trösten – fachlich gesprochen: keine Co-Regulation gewährleisten.

Frau Stupka fasste erstaunt zusammen: “Das heißt – wenn man nichts für die Gesundheit der pädagogischen Fachkräfte tut, dann entzieht man den Kindern die Basis für eine gute Entwicklung?!”

Genau so ist es. Frau Stupka war erschüttert angesichts der Dimension, die die Gesundheitsprophylaxe für Mitarbeitende im KiTa-Bereich tatsächlich hat. Dies gilt vor allem für ihr eigenes Arbeitsfeld, die U3-Betreuung (Krippe). Anhand vieler Beispiele aus ihrem Arbeitsalltag konnte sie die Zusammenhänge, über die ich sprach, nachvollziehen und bestätigen.

Wir wissen heute, dass sich während der ersten 1000 Tage ca. 80 % des Gehirnaufbaus vollziehen, dass während der U3-Phase praktisch in jeder Sekunde ca. 1000 neue Nervenverbindungen gebildet werden und dass diese gewaltige Neuroplastizität in Verbindung mit einfühlsamer Beziehungserfahrung die Vertrauensbasis, also die Gefühlsgrundlage für das ganze spätere Leben erschafft. Daraufhin fragte Frau Stupka erstaunt: “Und warum ist das nicht Inhalt unserer Ausbildung?!?”

Die Antwort ist: Weil wir in Deutschland eine gewisse Blindheit für die Beziehungsdimension haben. Wir sehen Bildung in erster Linie als Wissensvermittlung oder Förderung von Fähigkeiten in einem Top-Down-Lernprozess. Und deshalb denken wir gewohnheitsmäßig: Beziehung läuft nebenbei, ist selbstverständlich – wie das geht, weiß doch jeder – das muss man nicht zum Extra-Thema machen.
Doch – muss man! In den skandinavischen Ländern ist das gang und gäbe.

Unser Gespräch hat Frau Stupka zu einer erweiterten Sicht auf ihr Thema und ihre Arbeit verholfen. Noch gut drei Monate nach unserem Treffen schrieb sie mir in einer Mail: ” Die Aussagen haben mir über das Gespräch hinaus sehr viel klar gemacht.”

Mir selbst hat der Austausch mit Sina Stupka gezeigt, wie wichtig es ist, die Beziehungsdimension zu einem professionellen Thema in der Kinderbetreuung zu machen. Und das funktioniert am besten über die praktische Erfahrungsbildung mit dem ICDP-Training, denn die stärkt beides gleichermaßen: Die Gesundheit der Fachkräfte sowie auch die Entwicklungsbasis der Kinder.
Aus Loose-Loose wird Win-Win.

Viele Grüße und take care,
Rita Crecelius